Andy Warhols Visionen für die Telekom
by Sören Stamer August 11, 2006 at 07:26 PM
Alle kennen Andy Warhols Ausspruch, dass in Zukunft alle Menschen berühmt sein werden - zumindest für 10 Minuten. Nach ersten Erfolgen durch die Talkshow-Schwemme der späten 90er machen sich MySpace und youtube nun an die konsequente Erfüllung dieses Versprechens.
Doch kennen Sie auch Andy Warhols Projekt "Time Capsules"? Es ist faszinierend: Zwischen den frühen 60ern bis in die späten 80 hat Andy Warhol in 610 Standardkartons sein alltägliches Leben eingefangen und all die ihn bewegenden Dinge mit Tonbändern, Briefen, Fotos etc. dokumentiert. Seine Gespräche. Seine Bilder. Alles seriell in einer Box. Tag für Tag für ca. 30 Jahre.
Warum ist das erwähnenswert? Andy Warhol weist uns erneut den Weg. Seine Time Capsules sind unsere Zukunft. Ich wage die Prognose, dass wir spätestens in zehn Jahren fast all unsere täglichen Erlebnisse multimedial mitgeschnitten und digital gespeichert per Volltext durchsuchen können.
Nennen wir unser neues Produkt doch einfach "MyLife" und nehmen wir mal an ich wäre der zuständige Vorstand eines Telekommunikationsunternehmens.
Als Erstes würde ich all meinen Kunden - insbesondere den jungen - anbieten, gegen einen gewissen Aufpreis all ihre SMS, E-Mails, Voicemails sowie auch sämtliche Telefongespräche automatisch zu archivieren und mit einer schnellen, möglichst intelligenten Suche zu versehen. Die Kids werden es lieben. Man denke nur an die vielen unwiederbringlich verlorenen SMS zwischen den vielen Liebenden. BTW: Google ist mit GMail schon auf eben diesem Weg.
Als Nächstes würde ich MyLife-Devices rausbringen. Das sind Brillen, Freisprecheinrichtungen oder Amulette mit eingebauter Kamera. Mit denen man jederzeit und überall per Knopfdruck seine "kostbaren" Erlebnisse mitschneiden. Spracherkennung und Geo-Indexierung inklusive. Irgendwann kommt bestimmt auch die Gesichtserkennungstechnologie von Fraunhofer zum Einsatz. Man möchte möglicherweise wissen, mit wem man da gesprochen hat.
Nicht zu vernachlässigen ist auch das intuitive MyLife-Portal. Damit wir digital exisiteren, müssen wir nun einmal digital veröffentlichen. Mit MyLife kein Problem. Mit einem Klick sind die Nachrichten für einzelne, für wenige, für viele oder gar für alle abrufbar. Voraussichtlich digital vor Weitergabe geschützt, damit nicht gleich alles Private auf youtube landet.
Schöne neue Welt? Na ja, MyLife ist aus meiner Sicht letztendlich unvermeidlich. Wer nicht selbst veröffentlicht, wird in den Mitschnitten der anderen Teil des digitalen Universums werden. Unsichtbar und außen bleibt niemand.
Mein ersten MyLife-Erlebnis finden Sie übrigens im Blog meines lieben Freundes Georg Pagenstedt, seines Zeichens Vorstand von Bild.de. Er mag meine Flipflops, glaube ich. Stimmt's, Georg? ;-) Dieses Dokument wird mich den Rest meines Lebens begleiten. Traumhaft.
Und zum Abschluß gleich ein paar Thesen, die mich auf MyBoxes brachten::
1. Speicherplatz ist überall in unvorstellbarer Größe vorhanden.
2. Bandbreite ist billig und im Überfluss vorhanden.
3. Kameras sind so klein sein, dass man nicht mehr registiert, ob man gerade gefilmt wird oder nicht.
4. Menschen publizieren Privates, weil sie es können.
5. Die digitale Präsenz ist/wird unverzichtbarer Teil der Persönlichkeit.
6. Datenschutz war gestern bzw. wird vollkommen neu interpretiert werden müssen (siehe Google, MySpace, youtube und openBC).
7. Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach Kontrolle bei der selektiven Verbreitung privater Informationen zu.
1 Comments | 0 TrackBacks | CMS, Identity, Mobile Business, Web2.0,


Comments
... noch lieber als Deine Flipflops mag ich Euer Content Management System ;-)
Posted by: georg | August 16, 2006 01:51 PM