Kuba, Sozialismus und die globale Erwärmung
by Sören Stamer September 21, 2006 at 12:33 AM
Havanna, 27.08.2006. Kuba zerfällt. Fast alles zerfällt hier - Havanna, die stilvollen alten Häuser, die Straßen, Autos und Busse, Fabriken und ihre Produktion. Alle materiellen Dinge scheinen in Kuba stärker als anderswo dem Zerfall entgegen zu streben. Liegt das am Sozialismus? Auch die wenigen Ausnahmen, wie die ausgewählten, mit finanzieller Hilfe der Unesco renovierten Ecken in Havanna, die Mercedes-Busse der Touristen-Buslinie Viazur und natürlich die Lieblingsbar von Hemingway, ändern nichts an diesem Bild. Zahlungskräftige Touristen haben es halt gern ordentlich.
Gleichzeitig strotzt Kuba vor Glück. Alle Kubaner, mit denen ich ins Gespräch kam, strahlten intensive Lebensfreude aus. Sie lachten viel, freuten sich und waren ausgewiesen freundlich. Irgendwie seltsam, denn diese Lebensfreude der Menschen steht vordergründig im krassen Gegensatz zum Zerfall der Sachen.
Bisher dachte ich, dass mit dem Verfall der Umgebung auch eine Verrohung der Sitten eintritt. Ihr wisst schon: Es beginnt mit einer eingeschlagenen Scheibe und ein paar Graffitis und endet mit einer No-Go-Area (siehe Tipping Point). Auf Kuba scheint diese Regel nicht zu gelten. Obwohl die Umgebung zerfällt, blühen die Menschen hier sichtbar auf, sind freundlich und gebildet, wirken sehr gepflegt und meist sehr interessiert.
Ich habe einer Kubanerin meine Beobachtung geschildert und sie war keineswegs überrascht. Sie sagte nur, dass die Kubaner halt nicht am Geld und Besitz hingen, was im Sozialismus ja auch eher schwierig wäre. Sie meinte in der Tat, dass Sozialismus gleich Lebensfreude sei.
Raul, ebenfalls Kubaner, meinte trocken, dass die gute Stimmung schlicht an dem warmen und sonnigen Klima läge.
Na dann können wir der globalen Erwärmung in Deutschland ja doch noch etwas Positives abgewinnen: eine langfristig bessere Stimmung :-) Mit dem Sozialismus hat es hierzulande ja nicht so geklappt. Lag das etwa auch nur am Wetter?
Cuba libre.
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