Corporate Blogs in der Krise? Nicht aus Sicht eines bloggenden Unternehmers
by Sören Stamer March 28, 2007 at 12:21 PM
Die Computerwoche schreibt über Corporate Blogs in der Krise und Klaus Eck hinfragt schnell und gekonnt die journalistische Qualität ihrer Recherche. Was ist also dran an der Krise der Corporate Blogs aus Sicht eines bloggenden Unternehmers?
Kontrollverlust?
Zunächst einmal hat die die Computerwoche vollkommen recht: Für Unternehmen bedeutet der Erfolg der Blogosphäre einen spürbaren Kontrollverlust. Jeder Mensch mit einer eigenen Meinung – oder auch ohne – kann in Minuten einen Blog einrichten und sie für alle nachvollziehbar veröffentlichen. Andere können seine Aussagen in wenigen Minuten aufgreifen, unterstützen, hinterfragen, ablehnen, widerlegen, zerpflücken oder schlicht ignorieren. Die öffentliche Meinung bahnt sich ihren Weg – frei und unkontrolliert. Zukünftig wahrscheinlich noch schneller und intensiver als heute.
Für mich als Unternehmer hat diese Entwicklung einen sehr interessanten, weil weitreichenden Effekt. Man könnte sagen, sie ändert die „Regeln des Spiels“. Die Blogosphäre funktioniert wie eine riesige, extrem schnelle Feedbackschleife. Das Verhalten der Unternehmen wird laufend beobachtet, Abweichungen werden umgehend markiert und Fehlverhalten wird schonungslos aufgedeckt.
Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass Unternehmen durch die Blogosphäre in gewisser Hinsicht zu besseren Unternehmen werden. Unternehmen werden durch die Auswirkungen der Blogosphäre ehrlicher und kundenfreundlicher werden müssen, um zu bestehen – und das unabhängig davon, ob sie selbst bloggen oder nicht.
Unternehmen können natürlich versuchen, gegen diesen Kontrollverlust zu kämpfen. Doch das hat wahrscheinlich denselben Effekt wie schnelles Strampeln im Treibsand.
Hat man sich erstmal an den vermeintlichen Kontrollverlust gewöhnt, kommt man als Unternehmer recht schnell zu der Erkenntnis, dass man zwar keine Kontrolle über den öffentlichen Diskurs hat, aber dennoch Einfluss nehmen kann. Und zwar mit dem gleichen Werkzeug wie alle anderen: einem eigenen Blog. Dort kann man ebenfalls frei und unkontrolliert Themen setzen, Stellung beziehen, Aussagen hinterfragen, Dinge richtig stellen, den Dialog aufnehmen und sich bei Bedarf auch entschuldigen. Und einen Journalisten, der das dann dankenswerter Weise druckt, braucht man dafür nicht mehr.
Mit einem Corporate Blog gewinnt man eine Stimme in der Blogosphäre und kann sich eine eigene Reputation erarbeiten. Die Kontrolle erhält man natürlich nicht zurück. Doch das ist nicht weiter schlimm, denn in einer nicht mechanistischen Welt gilt sowieso: Reputation schlägt Kontrolle.
An dieser Stelle sei auch gesagt, dass ich keinesfalls alle Auswirkungen der Blogosphäre für wünschenswert und gut erachte, sondern einige Aspekte ablehne. Aus der Anonymität heraus andere zu beleidigen, ungerechtfertigt zu beschuldigen oder böswillige Gerüchte über sie in die Welt zu setzen ist eine Plage. Hoffen wir, dass es zukünftig zunehmend von Bloggern erwartet wird, dass sie ebenfalls zu ihren Aussagen stehen und sich als Individuum zu erkennen geben. Erst dann ist ein fairer Dialog möglich.
Engagement Einzelner?
Auch die Feststellung der Computerwoche, dass die Corporate Blogs in der Regel noch am Engagement Einzelner oder Weniger hängt, ist aus meiner eigenen Erfahrung nicht von der Hand zu weisen. Noch ist das vielfach so, auch bei CoreMedia.
Doch das wird nicht so bleiben. Gegenwärtig sammeln eine Reihe meiner Kollegen im Intranet erste Erfahrung beim Bloggen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch „nach draußen“ bloggen und der Corporate Blog vom Engagement der gesamten Mannschaft getragen wird. Ich freue mich schon sehr auf die ersten Postings von Kollegen auf superdistribution.net.
Agenturen als Ghostwriter?
Von der Betreuung von Corporate Blogs durch Agenturen halte ich überhaupt nichts. Das wird aus meiner Sicht kläglich scheitern. Wer Authentizität aufgibt, entwertet seine Stimme vollends. Dann sollte man lieber nicht bloggen.
Geringe Resonanz?
Das ist richtig, doch das wird sich ändern. Auf den ersten Websites der Unternehmen in der Mitte der 90er Jahre war ebenfalls kaum Traffic zu finden. Heute ist ein Unternehmen ohne eigene Website kaum vorstellbar. Es macht sogar einen recht zwielichtigen Eindruck. Ich überlege mir zweimal, ob ich dort zurück rufe.
Mein Fazit
Für mich und das Unternehmen, das ich vertrete, ist Corporate Blogging und der dadurch eingeleitete gesellschaftliche Wandel eine fantastische Chance. Je enger wir mit unseren Kunden, Partner, Aktionären und der Öffentlichkeit im Dialog sind, desto kundenorientierter werden wir arbeiten. Neben persönlichen Gesprächen sind Blogs dafür bestens geeignet. Ich bin überzeugt, dass wir auf diese Weise viel schneller lernen werden als bisher. Langfristig werden wir nur mit der Qualität unserer Arbeit und unserer individuellen Unternehmenskultur überzeugen können.
In wenigen Jahren werden aus meiner Sicht alle namhaften Unternehmen einen Corporate Blog nutzen, um mit Aktionären, Kunden, Partner und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. So kämpft Jonathan Schwarz von Sun bereits dafür, auch seine Adhoc-Pflichtmitteilungen zukünftig fair und transparent über seinen Blog zu veröffentlichen. Es wird so normal sein, wie eine eigene Unternehmenswebsite. Vermutlich wird die Grenze zwischen Website und Corporate Blog dabei sehr fließend sein.
Die Unternehmenskulturen werden sich in der Tat ändern müssen, um mit den gesellschaftlichen Wandel mithalten zu können. Wir werden erleben, wie das organische Paradigma das mechanistische (kontrollorientierte) verdrängt. Das bleibt sicher nicht ohne Folgen. Ich bin schon sehr gespannt.
Und darauf wette ich, bzw. habe ich schon gewettet: Liebe Tina, unsere Wette gilt: In 9,5 Jahren zählen wir die Blogs der Top 100 Unternehmen in Deutschland und schauen, ob ein Großteil davon einen Corporate Blog betreibt. Ich freue mich schon auf den Preis: das „neueste Gerät von Apple“ im Oktober 2016 :-)
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Comments
Resonanz: Vielen Dank für diesen Post. Er zeigt mir, dass Hopfen und Malz für das Bloggen bei deutschen Unternehmen nicht verloren sind :-)
Auch deutsche Unternehmen lernen mit dem Bloggen umzugehen, die einen etwas zögerlicher, die anderen durchaus progressiv. Wie in den Neunzigern beim Internet so muss jedes Unternehmen jetzt seine Erfahrungen mit dem Bloggen machen, dabei wird es auch Rückschläge geben.
Doch jetzt gibt es zum ersten Mal die Möglichkeit mit Lesern, Kunden, Lieferanten, Wettbewerbern, Öffentlichkeiten auf gleicher Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.
Im Sinne des Cluetrain Manifests erwarte ich bereits Ihre ersten Kollegen, wenn sie "herauskommen und spielen" (These 84).
Ich freue mich bereits auf kommende Gespräche auf diesem Blog.
Posted by: Frank Hamm | March 28, 2007 04:43 PM
Ja, endlich mal... ;o)
Genauso sehen wir das auch. Ich verstehe diese ganzen seltsamen Diskussionen auch nicht. Wir leben nun mal im Informationszeitalter und daran wird kein Unternehmen vorbeikommen. Vorallem nicht diejenigen, die Produkte für Endverbraucher herstellen. Der angebliche Kontrollverlust wird stattfinden, ob man das will oder nicht. Viele werden noch feststellen müssen, daß sie nicht im luftleeren Raum agieren.
Bloggen eignet sich ganz hervorragend, um sich transparent zu machen, in dieser vernetzten Welt mitzumischen und seinen Kunden ganz nah zu sein. Und nicht nur den zufriedenen Kunden, sondern vorallem denen, die nicht zufrieden sind. Das ist eine große Chance, denn niemand beschwert sich, der kein Interesse an einer Geschäftsbeziehung hat. Er macht das ja, weil er eine Verbesserung wünscht und das sind die wichtigsten Kontakte um seine Produkte und seinen Service immer weiter zu verbessern.
Und wenn mich jemand fragt (und das passiert häufig), wieso ich meine kostbare Zeit mit Bloggen verschwende und dazu wichtig den Kopf schüttelt, sage ich immer: Das ist Zeit, in der ich mit Interessenten, Kunden und potentiellen Kunden im Dialog stehe und es gibt nun mal überhaupt nix, was wichtiger wäre. Punkt!
Posted by: Kirstin vom Saftblog | March 30, 2007 12:11 PM